Montag, 17. Oktober 2016



STONES´ BLISS







Wie soll man das verstehen, wenn jemand davon spricht, dass Steine Kinder gebären, oder gar, wie ich - Stones' Bliss -, von ihrer Seligkeit oder Wonne?
Dass Bäume so eine Art soziales Dasein führen und quasi Gefühle zeigen können, hat sich inzwischen herumgesprochen. 
Beginnen wir also mit den Bäumen. Eine Palme steht ganz isoliert am Rand einer Steilküste. Dem Ich-Erzähler aus dem Roman Das verborgene Leben der Pflanzen von Lee Sung-U kommt es so vor, als sei sie 200 m hoch. Und eigentlich gehört sie gar nicht dorthin, in diese koreanische Küstenlandschaft. Er stellt sich vor, daß der Ozean die Wurzeln der Palme umfasst, die ganz bis ins Meer hinabreichen. Dann erweitert er jedoch umgehend seine Vorstellung: vielleicht durchquert und umfasst ja umgekehrt die Palme mit ihren Wurzeln den gesamten Ozean: Es gibt kein ärgerlicheres Vorurteil als die Vorstellung, ein Baum wäre reglos an einer Stelle festgewachsen. 
Der Bruder des Ich-Erzählers jedenfalls, der nach einem Unfall beide Beine verloren hat, sehnt sich danach, zu einem Baum zu werden, um so mit der Geliebten, die er aus Scham nicht mehr kontaktiert hat, verschmelzen zu können.








How shall you understand this when someone talks about stones bearing children or even, like me - Stones' Bliss ,- about their bliss. 
That trees have a certain social life and virtually do show emotions, that word has meanwhile gotten around.
So let´s start with trees. A palm stands completely isolated at the edge of a steep coast. To the first-person narrator from the novel The Private Live of Plants by Lee Sung-U it seems as if it were 200 metres high. And actually it doesn´t belong there, to this Corean coastal landscape. He imagines the ocean embracing the roots of the palm who reaches all the way down to the sea. Then he immediately broadens his vision: perhaps it´s the palm with its roots who traverses and embraces the whole ocean: There is no prejudice more annoying than the idea a tree were adhered motionless to one spot. 
The brother of the first-person narrator who lost both legs by an accident,  in any case longs for becoming a tree in order to merge with his love who he hasn´t contacted since for shame. 







Dieses Baum-Motiv erinnert stark an einen Ausschnitt des umfänglichen Avatamsaka-Sutras. Mitten in einer Wüste steht dort der sogenannte Baum der Erleuchtung. Alle Lebewesen zusammen genommen bilden die Wurzeln dieses Baumes. Und genährt werden sie von der Empathie der Auf-dem-Weg-Befindlichen. 
Gut ein halbes Jahrtausend später beschreibt dann der japanische Zen-Mönch Dogen den Bewußtwerdungsprozeß anhand bewaldeter Berge: Wer nur sieht, daß die grünen Berge sich unentwegt bewegen, wie sollte der wissen, daß die weißen Steine Kinder gebären bei Nacht. 
Hier sind sie nun, die Steine.

This motive of a tree strongly reminds of a part of the comprehensive Avatamsaka-Sutra. In the middle of a desert there is the so called tree of enlightenment. All living beings together constitute the roots of this tree. And they get nurtured by the empathy of those on the Way.
More than half a thousand years later the zen monk Dogen describes the process of awakening with the help of wooded mountains: Only seeing that the green mountains are always moving, who would know that the white stones bear children by night.
Here they are, the stones. 








Es ist kein Melodion, was hier zu hören ist, etwa elektronisch in die Tiefe versetzt, es ist auch nicht die Bassvariante dieses Instruments. Alle Klänge sind ganz original so und nicht mit Effekten versehen, außer dem obligaten Hall, und sie sind gekommen aus einer Mundharmonika. Tatsächlich habe ich vor längerer Zeit mal eine Bass-Melodica ausprobiert, weil ich mir etwas Dunkleres, Tieferes wünschte, aber die Tastengeräusche haben mich abgeschreckt, mal abgesehen von der Langsamkeit und der Verzögerung der Ansprache. Einige Zeit später habe ich dann eine Webseite entdeckt, auf der man eine Bass-Harmonika erwerben konnte. Das schien  erstaunlich billig, bis ich dann herausfand, daß es sich dabei in Wahrheit um eine software handelte, bei der die Entwickler einfach den sound einer Bass-Harmonika aufgenommen und daraus eine software entwickelt haben. Später stieß ich dann auf verschiedene Bassharmonikas und begann nun zu verstehen, daß viele sich mit einem Programm bescheiden, denn der Preis für eine echte, d.h. nicht-virtuelle Bassharmonika ist mit dem für eine kleine Bluesharp nicht unbedingt vergleichbar. 
Zwei Monate später habe ich ein neues, ganz fantastisches, extrem reduktionistisches Stück von Radu Malfatti gehört, und die Klänge waren wunderbar. Es stellte sich heraus, daß er eine Bass-Harmonika gespielt hatte. 








It´s not a melodion you listen to here, neither something transposed into the depth electronically nor the bass version of this instrument. All the sounds are original, just like that, with no effects but the obligatory reverberation, and they came out of a mouth harmonica. 
In fact a while ago I tried a bass-melodica because I wanted something dark and deep but the noises of the attack turned me off, not to mention its slowliness and delay. A little later I found a website where you could buy a bass-harmonica. This seemed to be astonishly cheap till I found out that it wasn´t the instrument they were selling but a software, developped with the help of the recorded sound. Later I found different bass harmonicas and began to understand why a lot of people content themselves with a software, for the price for a real, non-virtual instrument is not comparable with the one for a little blues harp.
Two months later I listened to a new fantastic, extremely reductionistic piece by Radu Malfatti and the sounds were wonderful. It turned out that he had played a bass harmonica.







Groß, aber nicht unbeweglich sind sie, die Steine. Bei Steinen gelten eben andere Zeitgesetze. Der Hall führt vor, daß sie sich bewegen, schwingen, wabern, tanzen in großen Gesten und Kinder haben. Und die Störche  - im Stück sind echt elsässische Störche zu hören -   bringen die Babysteine. So, wie das Wasser ekstatisch spritzt, wenn man eine mit ihm gefüllte Klangschale »anrührt«, so »spritzen« auch die Steine.
Sie atmen einfach ein wenig langsamer.








Big but not immovable they are, the stones. Regarding stones different laws of time are in charge. The reverberation demonstrates that they move, swing, billow, dance in huge gestes and bear children. And the storks - in the piece you can hear real Alsatian storks - bring the baby stones. As the water splatters if you cause a singing bowl - filled with it - to vibrate, also the stones »splatter«.
They just breath a little slower.

Dogen Zenji was a zen monk of the 13th century and completely different than Joshu (see precedent post). Dogen was more of the serious type. To him meditation was the core of the spiritual effort. So he pinpointed some of the basic rules of zazen, the sitting meditation, in force till now.
His writings are quite unconventional, fascinating but also difficult to understand. He often wrote in Japanese, quite unusual at this time and was a great stylist. His master piece is called Shōbōgenzō.
He was so eager to express the inexpressible perfectly, perhaps that´s why stones appear quite often: If you can set eyes on the potential outside of forms, you'll laugh as you watch a stone girl perform a dance. 








Dōgen Zenji war ein japanischer Zen-Mönch des 13. Jahrhunderts und ganz anders als Joshu (s. vorangegangenen Post). Dōgen war eher der ernste Typ. Als Zentrum der spirituellen Anstrengung galt ihm die Meditation, Zazen genannt. Dafür legte er einige der bis heute gültigen Grundregeln fest. Seine Texte sind unkonventionell, faszinierend, aber auch schwer verständlich. Er schrieb, ganz gegen die Sitte seiner Zeit, oft auf Japanisch und war ein großer Stilist. Sein Meisterstück trägt den Titel Shōbōgenzō. Vielleicht, weil er so um perfekten Ausdruck des Nicht-Ausdrückbaren bemüht war, kommen immer wieder Steine bei ihm vor: Wenn Du in der Lage bist, das Potential außerhalb der Formen wahrzunehmen, wirst Du lachen, wenn ein Steinmädchen einen Tanz aufführt







Kommentare sind wie immer sehr willkommen. (mail@stefan-hardt.de).

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